Mayrhofen Magazin

Der Zillertaler Dialekt – seine Hintergründe

Liebe Leser – neulich musste ich in einer bekannten österreichischen Tageszeitung lesen, dass ein Wandel in der tirolerischen Aussprache stattfindet – statt „isch“ sagt man in der hippen Gesellschaft nun „is“. Quo vadis, Dialekt? Ob das an den vielen deutschen Touristen liegt? Oder am sprachlich aufgeklärteren Intellekt der neuen Generation? Beides mag und darf man bezweifeln. Ganz im Gegenteil: der Wandel der Sprache macht die Sprache aus.

Zillertaler Dialekt

Dialekt unterliegt einem stetigen Wandel, trotzdem behält er sich seine Eigenheiten.
Foto: Tiroler Dialektarchiv

…Immer häufiger würden Jugendliche in Tirol sprachliche Formen des Standarddeutschen verwenden, ältere Varianten der Artikulation würden bei den Jungen beginnen, in Vergessenheit zu geraten… Was für Sprachwissenschaftler ein Thema für Dissertationen ist, ist für mich – werte Leser – ein Thema der kurzen, knackigen Information. Der Dialekt geht nicht verloren, er ändert sich. Und das ist in einer Sprache ganz normal. Unser „Kasknödel-k“ (mit stark betontem k im tiroler Dialekt) erstreckt sich auch heute noch vom Zillertal bis an den Arlberg und nach Osten über Kufstein hinaus. So mehr oder minder. Laut Information von Dr. Yvonne Kathrein, ihres Zeichens promovierte Germanistin an der Universität Innsbruck, ist die Besonderheit des Tiroler Dialekts (für Laien wohlgemerkt!) das „velare affrizierte k“: Ein hinten im Mundraum angeriebenes k mit einem mehr oder weniger leichten „ch“ hinten dran.

Wir wollen mehr wissen: Ein Gespräch mit Sprachwissenschaftlerin Yvonne Kathrein.

Zillertaler Dialekt

Ein Interview mit Dr. Kathrein und ihrem Sohn, der bereits an seinem Dialekt arbeitet.
Foto: Socialweb

SW: Dr. Kathrein, wir wissen nun, dass das Tiroler k wohl der bekannteste Kenn-Laut der Tiroler Dialekte ist. Aber das kann es ja nicht gewesen sein, oder?

Dr. Kathrein: Das wäre auch zu pauschaliert ausgedrückt. Jeder Dialekt in Tirol hat seine Eigenheiten und seine Gemeinsamkeiten mit anderen Dialekten. Linguistisch betrachtet gehören wir zu mehr als 90% zur bairischen Dialektlandschaft und zum restlichen Prozentsatz zur alemannischen Dialektlandschaft. Ein weiteres typisches Kennzeichen für einen großen Raum in Tirol ist übrigens das „u“ vor dem „n“, wie „i hun des getun“ statt „i hån des getån“ (Anmerk. der Redaktion: Ich habe das getan). Allerdings wird genau dieses Merkmal mittlerweile gerade im Großraum Innsbruck sukzessive durch standardnäheres å bzw. a ersetzt.

SW: Wie sieht es denn im Zillertal aus? Gibt es da ganz besondere dialektale Kennzeichen?

Dr. Kathrein: Ein Kennzeichen des Zillertaler Dialekts und hier vor allem des hinteren Zillertals ist die „Mittelgaumigkeit“. Im hinteren Zillertal wird heute noch aus einem „u“ und „o“ ein „ü“ und „ö“ gemacht: Es heißt dort Tüx und Moarhöf für Tux und Mayrhofen. Das „o“ und das „u“ werden dabei im Mundraum weiter in der Mitte produziert. Diese sprachliche Eigenheit gibt es auch im hinteren Ahrntal, das an das Zillertal südlich angrenzt. Berge waren für die Menschen und damit für deren Sprache nie ein Hindernis und das Ahrntal und das Zillertal waren lange viel stärker miteinander verbunden, als dies heute der Fall ist. Die Mittelgaumigkeit gibt es überall dort, wo erst spät ein sprachlicher Austausch mit Personen von außerhalb des Tals stattgefunden hat.

Zillertaler DialektSW: Und was wäre so ein typisches Zillertaler Wort, das es wirklich nur hier im Tal gibt?

Dr. Kathrein: Die Realisierung von r vor t als ch wie etwa in Håcht für den Ort Hart oder die Aussprache von r vor n als ng in einem Wort wie Hiang für ‚Hirn‘. Aber auch die Wortform „mia hem“ bzw. „mia hen“ für oder anstatt „wir sind“ scheint etwas typisch Zillertalerisches zu sein, wobei es auch sonst vereinzelt „h“ für ein intitiales „s“ gibt. Es gibt außerdem – wie für andere Dialekte auch – ein paar genuin zillertalerische Wörter: Das Wort „krölketsn“ für „rülpsen“. Das Wort ist wohl ein so genanntes „Onomatopoetikon“, also ein lautmalerisches Wort. Das ist ein Wort, das so ähnlich klingt wie das, was es bezeichnet. Es gibt manchmal sogar Wörter, die noch kleinräumiger gebraucht werden, etwa die Wörter für „leicht regnen“. Die Bezeichnung dafür lautet oder lautete in Ried im Zillertal „tuuslen“, in Lanersbach und Finkenberg „träatln“ und in Fügen „fiisln“ oder „fiislen“. Übrigens: Ein Wort, das vielleicht gut zum Frühsommer passt, ist „heckn“ für „stechen“. Die Biene heckt also im Zillertal.

SW: Danke für dieses Gespräch!

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