Mayrhofen Magazin

Die wahre Geschichte des Liedes „Stille Nacht, Heilige Nacht“

Strasserhäusl

Das Strasserhäusl in Laimbach bei Hippach birgt einige Geheimnisse. So heißt es, dass die berühmte Sängerfamilie Strasser, die hier lebte, das Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“ weltberühmt machten. In jedem Falle scheint die Geschichte hier halt gemacht zu haben. Eine uralte Stube mit einem Walzenofen, rauchgeschwärzte Holzbalken, winzig kleine Fenster. Sein Aussehen wurde seit knapp 300 Jahren kaum verändert. Was es nun mit dem Ursprung und der Population des Liedes „Stille Nacht, heilige Nacht“ tatsächlich auf sich hat, dem möchte ich auf den Grund gehen. Tatsache ist, dass um 1800 die Geschwister Strasser im Strasserhäusl lebten.  

Untersuchungen zur Popularisierung von Tiroler Liedern in Deutschland, England und Amerika befassen sich seit vielen Jahren mit der Verbreitung des Liedes „Stille Nacht, heilige Nacht“. Auch hier stehen die Zillertaler hoch im Kurs: Die beiden ersten berühmten Tiroler Nationalsängergesellschaften wurden laut Schriften von den Geschwistern Rainer aus Fügen im Zillertal um das Jahr 1822 formiert. Diese Sängergesellschaft war im Herbst 1824-1826 auf Deutschlandtournee und danach in Großbritannien mit ungemein großem Erfolg unterwegs.

Weiter belegbar ist, dass auch die Rainer Familie aus Fügen im Zillertal –  „Rainer Family“, wie sie damals im Ausland lieblich genannt wurden –  im Auftrag eines amerikanischen Geschäftsmannes im Jahr 1839 für Konzertauftritte in Amerika förmlich „gecastet“ wurden und große Erfolge feierten.  Jeder dieser Familien hatte ein unverkennbares Lieder-Repertoire. Auch das begann sich mit den beiden Rainer-Gruppen aus dem Zillertal erst zu entwickeln. 1827 erschienen in London erstmals zwölf Lieder der „Ur-Rainers“, die damals gerade in England eingetroffen waren. Sie waren auf englisch übersetzt und wurden unter dem Titel „The Tyrolese Melodies“ zum Verkauf angeboten.

Bei meinem Besuch im Strasser Häusl-Museum treffe ich Rosi Kraft.

Rosi zeigt die originale Konzertanzeige im Strasserhäusl

Rosi zeigt die originale Konzertanzeige im Strasserhäusl

Sie gibt mir die Geschichte zum Weihnachtslied „Stille Nacht, Heilige Nacht“ und der Verbreitung durch die Zillertaler Sänger wieder:

 Die Geschichte des Liedes „Stille Nacht, Heilige Nacht“ und das Strasserhäusl

Es war der 24. Dezember 1818 in Oberndorf im Salzburger Land, unmittelbar an der Grenze zu Bayern.  Hier lebte ein Organist namens Franz Gruber. Sein bester Freund war der Hilfspriester Josef Mohr. Er war 26 Jahre jung. Franz war fünf Jahre älter als Josef. Ausgerechnet vor dem Weihnachtsfest fiel die Orgel aus. Die beiden Freunde waren einfallsreich: Sie wollten den Mettenbesuchern statt des Orgelklanges ein neues Lied auf der Gitarre vorspielen und so kam es, dass sie „Stille Nacht, heilige Nacht“ am Abend des 24. Dezembers 1818 in der St. Nikolaus Kirche in Oberndorf erstmals vortrugen. Die Uraufführung dieses weltweit bekannten Liedes.

Ein Orgelbauer aus dem Zillertal

Die kaputte Orgel musste natürlich repariert werden. Karl Mauracher war ein Orgelbauer aus dem Zillertal. Er kam gerade zu dieser Zeit nach Oberndorf um die Orgel in der Kirche St. Nikola zu reparieren. Der Handwerker war äußerst musikalisch und ihm gefiel das Lied „Stille Nacht, Heilige Nacht“ besonders gut. Als er wieder ins Zillertal heimkehrte, brachte er das neue Lied dem Kirchenchor seines Ortes in Fügen bei.  Im Chor sang auch Josef Rainer. Er war ein Metzgermeister aus Fügen im Zillertal und Vater von neun Kindern. Fünf seiner Kinder waren vorzüglich begabt und hatten engelsgleiche Stimmchen. Am Weihnachtsfest des folgenden Jahres sang nun der Chor das Lied zum zweiten Mal. Dieses Mal in der Pfarrkirche von Fügen.

 

Zar Alexander zu Besuch in Fügen

Die Zeit zog ins Land und drei Jahre später wurde hoher Besuch im Zillertal angekündigt. Die zwei mächtigsten Männer der damaligen Zeit, Kaiser Franz und der russische Zar Alexander kamen zu Besuch nach Fügen. Nun musste das Beste her, was im Zillertal verfügbar war. Und so kam es, dass die fünf Rainer-Geschwister mit den wunderschönen engelsgleichen Stimmen vor den hohen Besuch das Lied vorsingen durften. Der Zar war so begeistert über die Darbietung, dass er die Geschwister Rainer zu sich an den Hof nach Petersburg einlud.

Vier von den Geschwistern wollten darauf hin ihr Glück als Sänger in der großen weiten Welt versuchen. Damals war eine große Portion Mut nötig, um ins Ungewisse aufzubrechen und nur mit dem Gesang seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Die vier Geschwister hatten aber sehr viel Glück und wurden bald bekannt und berühmt. Sie sangen ihre Lieder vor Fürsten- und Königshäusern und sogar am englischen Königshof. Eines der Lieder war „Stille Nacht, heilige Nacht“.

Aus dem Zillertal in die weite Welt

Da die vier jungen Sänger so erfolgreich waren, zog es bald schon weitere Zillertaler in die weite Welt, die ihren Gesang darboten. Eine dieser Sängergruppen waren die Geschwister Strasser aus Laimach im Zillertal. Sie waren Handschuh-Händler und verkauften ihre handgemachten Handschuhe aus Ziegenleder. Am Markt in Leipzig lockten sie ihre Kundschaft mit frischem Gesang an. Die Zuhörer auf dem Markt waren so berührt, dass sie die Geschwister baten, das Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“ zur Christmette in der Pleißenburg vorzutragen. Anschließend wurde das Lied auf der ganzen Welt bekannt. Sogar in New York, in der Trinty Church, wurde das Lied von einer Sängergruppe aus dem Zillertal aufgeführt.

Überlieferung oder Sage?

Aus dem Munde von Rosi Kraft klingt das alles wie ein tolles Märchen. Sandra Hupfauf veröffentlichte ein Buch zur Verbreitung von Tiroler Liedern. Sie geht in ihren Studien und Feststellung zum Einfluss der Zillertaler sogar noch einen markanten Schritt weiter als dies die Geschichte des Strasserhäusels tut:

Die Vorbildwirkung der Rainers geht aber, …., noch viel weiter. So trugen sie zur Popularisierung des Jodelns in der amerikanischen Unterhaltungsmusik bei – noch heute von Bedeutung für die Country Music – und beeinflussten durch ihre Auftritte die in den 1840er-Jahren begründete musikkabarettartige Unterhaltungsform …. „ (Zitiert aus dem Buch: Die Lieder der Geschwister Rainer und „Rainer Family“ aus dem Zillertal von Sandra Hupfauf).

Zum Abschluss sei gesagt: Belegbar ist wohl der starke und auch weltweite Einfluss der Zillertaler Sängergruppen und auch die Tatsache, dass diese wesentlich zur Verbreitung des Liedes „Stille Nacht, Heilige Nacht“ beitrugen. Wer sich vergewissern will, dem empfehle ich den Besuch im Strasser Häusl bei Rosi Kraft. Die Geschichte wird dich – so wie mich auch – so bald nicht wieder loslassen.

Das Strasserhäusl kann man vom Mai bis Mitte Oktober und Mitte Dezember bis Mitte Januar besuchen. Besichtigungen sind auch an den Weihnachtsfeiertagen, täglich außer Samstag von 10.00 bis 17.00 Uhr möglich.

Sonderführungen außerhalb der Öffnungszeiten unter:
T: +43 (0)676  322 5522

Informationen über die Stille Nacht Gesellschaft: Stille Nacht Gesellschaft

Wer sich näher mit der Popularisierung von Tiroler Liedern befassen möchte, dem sei das Buch von Sandra Hupfauf empfohlen: Die Lieder der Geschwister Rainer und „Rainer Family“ aus dem Zillertal (1822–1843), Universitätsverlag Wagner.

Bilder: Renate Leitner, TVB Mayrhofen

 

 

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Die wahre Geschichte des Liedes
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Das Strasserhäusl in Laimbach bei Hippach birgt einige Geheimnisse. So heißt es, dass die berühmte Sängerfamilie Strasser, die hier lebte, das Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“ weltberühmt machten. In jedem Falle scheint die Geschichte hier halt gemacht zu haben.
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