Mayrhofen Magazin

Weihnachten vor 70 Jahren in Mayrhofen

Christkindleinzug in Mayrhofen im Jahr 1945

….und schon wieder ist Advent, die besinnliche und ruhige Zeit – so heißt es zumindest. Hektik vom ersten Advent-Wochenende an, ein Adventkranz muss her, dann zur Adventkranzweihe in die Kirche, am Nachmittag sollen die Kekse gebacken werden, damit sich ein weihnachtlicher Duft in der Wohnung breit macht und die Vorfreude auf Weihnachten stimuliert wird. Die Wohnung soll dekoriert werden, Lichterketten müssen aufgehängt werden, Geschenke sollen gekauft werden. Doch bereits am Sonntag nach dem Frühstück überlege ich ernsthaft, ob man die Zeit wohl nicht zurück drehen könnte in meine Kindheit, die ich wohlbehütet im Kreise einer siebenköpfigen Familie erleben durfte. Ich fuhr zu meinen Eltern und da berichtete mir mein Vater über die Weihnachtszeit in Mayrhofen in seiner Kindheit, also vor genau 70 Jahren.

Advent 1945

Der Krieg ist beendet, keiner hatte nur einen Schilling zuviel in der Geldtasche. Doch dies war nebensächlich. Normalerweise hat es schon Anfang Dezember geschneit und die Krampusse klopften am Abend an die Fenster, wenn im Haus streitende Kinder zu hören waren und im Nu war es dann ganz ruhig. Der Nikolaus-Abend am 5. Dezember war der erste Höhepunkt in der Adventzeit. Meistens kam er zu uns ins Haus „sehender“, also sichtbar. Alle 10 Kinder waren in der beheizten Stube mit Mutter Viktoria und Vater Hansal versammelt. Dann trat der Hl. Nikolaus ein, begrüßte alle Anwesenden. Besonders wollte er von uns Kindern wissen, was wir in der Schule und zu Hause gelernt haben. Wir beantworteten voller Erfurcht die Fragen des heiligen Mannes, sagten Gedichte auf, sprachen ein Gebet oder sangen sogar ein Liedchen.

In einem Sack, den der Krampus in die Stube brachte, waren Geschenke – Kekse, Äpfel und Nüsse. Gerne nahmen wir die Köstlichkeiten an und bedankten uns für die Gaben. Hansl, mein Bruder, der auf der Ofenbank saß, lachte und der Krampus war erzürnt darüber. Er packte den Buben und riss ihn von der Bank weg. Hansl hielt sich an einem Brett fest, das den Kachelofen umgab, und brach es in der Mitte auseinander. Auch Paul wurde vom Krampus weggerissen. Martin weinte und sagte: „Lieber Nikolaus, hilf uns. Der Krampus bringt uns ja alle weg!“ Daraufhin verabschiedeten sich der Hl. Nikolaus und sein böser Geselle und sie gingen weiter zur nächsten Familie.

Engelamt – Rorate

Die Mayrhofner Kirche vor der Vergrößerung

Die Mayrhofner Kirche vor der Vergrößerung

Morgens hieß es immer sehr früh aufstehen, das war nicht immer leicht. Wir Buben waren Ministranten und so waren wir auserkoren, jeden Tag zum Engelamt zu gehen. Dieser spezielle Gottesdienst begann um 6 Uhr früh. Kalt war es und sehr dunkel, denn Straßenbeleuchtung gab es damals noch keine. Macht nichts, wir fanden den Weg zur Kirche trotzdem.

Christbaum am Josef-Riedel-Platz in Mayrhofen

Christbaum am Josef-Riedel-Platz in Mayrhofen

Mayrhofner Christkindleinzug

Beeindruckend war der Mayrhofner Christkindleinzug am Goldenen Sonntag. Schmalzer Joggal, ein damals sehr bekannter Mayrhofner Bürger und Leiter der Volksbühne Mayrhofen, stellte die Gruppen, die am Christkindleinzug mitwirkten, zusammen – Hirten mit Schafe, eine Engelschar und natürlich auch der Wagen mit dem Christkind. Ich werde nie vergessen, wie Schmied Jergal (Schmied Georg) als Hirte mit zum Gebet verschränkten Händen vor dem Jesuskind kniete – wie eine Figur von Meister Otto Moroder geschnitzt. Vor dem Gemeindeamt hielt der ganze Zug an, denn hier trat der Verkündigungsengel in Aktion. „Ich verkünde euch eine große Freude – heute in der Nacht wird der Heiland geboren!“ Wir lauschten andächtig und spürten, dass Weihnachten nun sehr nahe war.

Der Heilige Abend

Das Christkind brachte Skier!

Das Christkind brachte Skier!

Der Heilige Abend war nun da. Das Engelamt um 6.00 Uhr morgens war was ganz besonderes, der innere Frieden war richtig spürbar. Zum Frühstück gab es nichts, denn bis zum Mittagessen war Fasttag. Dann wurde ein Honigkoch aufgetischt und wir aßen mit großem Appetit. Am Nachmittag versuchten wir Buben (Peter, Paul, Hansl, Martin, Sepp, Engelbert und Konrad) sehr brav zu sein, denn am Abend nach dem Abendessen und dem gemeinsamen Gebet des Rosenkranzes kam das Christkind.

Einmal wollte ich in den ersten Stock gehen – da war die Christkindlkammer. Plötzlich wurde es oben ganz hell, ich stand auf der Treppe und glaubte, einen Engel gesehen zu haben. Später stellte sich heraus, dass es mein Bruder Paul war. Die Mädchen (Liesl, Moidal und die Toni) haben der Mutter bei der vielen Arbeit fleißig geholfen. In der Stube im Parterre warteten wir auf das Läuten des Christkindes, Still war es. Dahinein ein feines Klingeln mit einer Glocke. Jetzt war es soweit. Wir stürmten über die Stiege hoch und standen vor dem hell erleuchteten Christbaum. Wachskerzen, Engelhaar und Kekse als Christbaumbehang – so sah er aus. Es war der schönste Christbaum, den ich je gesehen habe. Für jeden war ein kleines Päckchen mit Geschenken unter dem Baum: Kekse, selbstgestrickte Handschuhe und Socken. Mehr gab es nicht, aber wir hatten ganz große Freude damit und dankten dem Christkind dafür.

Für mich waren zusätzlich Ski da, freilich gebrauchte Ski. Ich sagte laut und überrascht: „Ja Chrstkindl, was machst du da? Du bringst mir Ski aber Schnee haben wir keinen!“. Der Schnee kam später – so wie auch heutzutage manchmal. Um Mitternacht besuchten wir alle die Christmette, das war und ist der wunderbare Gottesdienst zur Weihnacht. Müde und dankbar schliefen wir die Heilige Nacht durch. Es war wieder schön – sehr schön, in einer Großfamilie das Weihnachtsfest zu erleben. Danke liebes Christkind!

Unsere Familie (vlnr: Peter, Konrad, Hansl, Martin, Engelbert, Paul, Josef, Elisabeth, Mutter Viktl, Vater Hansal, Antonia, Maria

Unsere Familie (vlnr: Peter, Konrad, Hansl, Martin, Engelbert, Paul, Josef, Elisabeth, Mutter Viktl, Vater Hansal, Antonia, Maria

Meine Eltern Viktoria und Johann

Wir waren eine Großfamilie mit 10 Kindern. In der Nachkriegszeit hatten wir kaum etwas zu essen, unser Vater war Zimmerer, mit seinem monatlichen Lohn musste die gesamte Familie verköstigt werden. Unsere Mutter versorgte uns Kinder, war der Kühlschrank leer und kein Brot im Haus, so musste in der Nachbarschaft und noch darüber hinaus um Essen gefragt werden. Es waren schreckliche Zeiten – vonwegen die „gute alte Zeit“, wie man es heutzutage öfters hört. Unter dem Christbaum lag auch noch Holzspielzeug. Mit diesem Spielzeug konnten wir bis zum 6. Jänner (Dreikönigstag) spielen, dann wurde es „von den Engeln“ mitsamt dem Christbaum verräumt. Ein Jahr drauf zu Weihnachten bekamen wir das Spielzeug wieder. Dennoch wuchsen wir glücklich auf, unbekümmert und ohne technischen Stress, wie die Jugend heute.

Was ich noch vermerken möchte, ist in dieser Zeit der Geruch des Weihrauchs. Besonders am Hl. Abend gingen der Vater und einer der Buben mit Weihrachfass und Weihwasser in den Stall und durch das Haus, um es zu segnen – für uns immer ein beeindruckender Vorgang. Mein Wunsch zum Abschluss: Möge es in allen Familien ein Weihnachtsfest in Frieden und Zufriedenheit geben!

OSR Dir. Josef-David Kröll

Josef-David und Ida-Elisabeth Kröll aus Mayrhofen

Josef-David und Ida-Elisabeth Kröll aus Mayrhofen

Mein Vater, Josef-David, wurde am 23.02.1936 als 8. von 10 Kindern geboren. Er wurde als einziger in der Familie auserkoren, in eine weiterführende Schule zu gehen. Im zarten alter von 10 Jahren verließ er seine Heimat Mayrhofen und besuchte das Gymnasium in Hall in Tirol. Von strengen Patern wurde er erzogen. Josef maturierte in Innsbruck im Gymnasium der Fallmerayer-Straße und absolvierte anschließend die Lehrerbildungsanstalt (heute pädagogische Akademie). Als Lehrer kam er zurück in seine Heimat, zuerst nach Hippach und anschließend nach Mayrhofen, wo er bis zu seiner Pensionierung unterrichtete. 25 Jahre lang leitete mein Vater die Hauptschule Mayrhofen. Seiner Frau Ida-Elisabeth und seinen fünf Kindern war und ist er ein liebevoller Partner und der beste Vater, den man sich wünschen kann.

Der Nachmittag bei meinen Eltern in Mayrhofen verging viel zu schnell, dennoch konnte ich von der „Bethlehem-Rallye“ etwas abschalten und genoss diesen Tag im Kreise meiner Familie!

Summary
Article Name
Weihnachten vor 70 Jahren in Mayrhofen
Description
Lass dir erzählen, wie das Weihnachtsfest vor 70 Jahren in Mayrhofen im Zillertal ausgesehen hat!
Author
Elisabeth Kröll
Gast Autor: Elisabeth Kröll
Biographie: Als eine waschechte Mayrhofnerin kann ich mich ruhigen Gewissens bezeichnen, denn ich bin in Mayrhofen im Zillertal geboren und aufgewachsen und bin meiner Heimat bis auf ein paar Ausnahmen immer treu geblieben. Es zieht mich eben immer an die schönsten Plätze dieser Welt und da ist Mayrhofen auf Platz 1. Durch meine Leidenschaft, den Umgang mit Menschen aus allen Himmelsrichtungen dieser Erde, meine EN Weltoffenheit und meine fröhliche Art war es die natürlichste Sache der Welt, dass ich mein berufliches Leben dem Tourismus widme. In meiner bescheidenen Freizeit liebe ich es, inmitten der Zillertaler Bergwelt durch die Gegend zu kraxeln, im Winter erobere ich freilich die traumhaften Pisten bei uns und genieße die Kultur in jeglicher Hinsicht im Zillertal. Ich hoffe, dass euch meine Storys gefallen, eure Neugier auf die Region Mayrhofen-Hippach wächst und ihr fleißig meine Blogbeiträge liked, teilt und kommentiert! Eure Elisabeth
Land: Österreich
Was mag ich: meine Heimat, Musik, Bergsteigen, Klettern, Kunst, Skifahren, Reisen,...

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